Affe gegen Wolf- eine kritische Betrachtung der Rudelführertheorie

 

Noch immer geistern in den Köpfen der Hundehalter Theorien um „Mensch- Hunde- Rudel“, „Rudelführer“, „Dominanz“, etc. herum. Man orientiert sich hierbei am Verhalten von Wolfsrudeln. Meint man zumindest. Doch wie viel Wahres steckt in der Rudelführertheorie? Wie viel Wolf steckt im Hund? Und viel wichtiger: Wie viel Wolf steckt im Mensch?

 

In diesem Beitrag möchte ich mich diesen Themen widmen. Denn trotz neuer Forschungsergebnisse anerkannter Kynologen und bereits widerlegten Trainingsmethoden im Sinne der Rudeltheorie, bestimmen meist Vorurteile das Zusammenleben zwischen Mensch und Hund. Ich werde versuchen, aufzuzeigen, warum der Mensch mit dem Hund in keiner Rudelgemeinschaft zusammenleben kann und warum falsch angewandte Dominanzrituale nicht zur erhofften vertrauensvollen Bindung zwischen Mensch und Hund führen können.

 

Zum besseren Verständnis müssen wir zunächst klären, wo die Rudeltheorie ihren Ursprung hat. Es gibt verschiedene Grundlagen für diese Theorie, eine der wichtigsten ist jedoch das Buch „The Wolf: Ecology and Behavior of an Engaged Species“ von David Mech aus dem Jahr 1970. Dieses Werk beruht auf der Beobachtung von in Gefangenschaft lebenden Wölfen und beschreibt eine strenge Hierarchie innerhalb des Rudels bestehend aus Alpha-, Beta- bishin zum Omegawolf. Mech selbst hat seine Theorie allerdings nach der jahrelangen Beobachtung von freien Wolfsrudeln widerrufen! Freilebende Wölfe können nicht mit Tieren in Gefangenschaft verglichen werden! Freie Wölfe leben nicht in streng hierarchisch struktierten Rudeln, sondern in lockeren Familienverbänden, an deren Spitze ein Elternpaar steht, gefolgt von deren Nachwuchs der letzten 2- 3 Jahre. Das Elternpaar führt ihre Rudel mit einer Vorbildfunktion- es ist nicht nötig, die anderen Mitglieder der Familie ständig zu dominieren, da die Eltern eine natürliche Dominanz besitzen. Hierbei möchte ich darauf verweisen, dass Dominanz keine Charaktereigenschaft ist, wie fälschlicherweise oft angenommen wird, sondern das Verhältnis zwischen zwei oder mehr Individuen beschreibt. Man unterscheidet dabei noch die „Formale Dominanz“ (=Langzeitdominanz/ Anführerschaft, welche von anderen Individuen anerkannt wird, ohne dass der Dominante dafür kämpfen muss) und die „Situative Dominanz“ (= kurzfristiges Durchsetzen von Interessen, welche auch vom Rangniedrigeren zum Ranghöheren angewendet werden kann, z.B. Ressourcenverteidigung). Wolfseltern führen ihr Rudel formal dominant.

 

Mit ca. 3 Jahren verlassen die Jungwölfe (sowohl Männchen als auch Weibchen) ihr Rudel, um sich auf die Suche nach einem geeigneten Partner zu begeben, mit diesem ein geeignetes Territorium zu finden und selbst eine Familie zu gründen, seltener kommt es vor, dass Jungwölfe bei ihrer Familie bleiben und sich als subdominante Wölfe fortpflanzen.

 

Wölfe, die in Gefangenschaft leben, sind meist zusammengewürfelte Gruppen nichtverwandter Tiere, die in einem begrenzten Areal leben müssen. Zudem ist kein Abwandern möglich. Daher muss sich das Rudel organisieren, wodurch es zu den Positionen „Alpha“, Beta“ usw. kommt. Mit einem natürlichen Rudel hat das nichts zu tun.

 

Es bleibt also festzuhalten, dass Wolfsrudel ein sozialer Familienverband mit echten verwandtschaftlichen Beziehungen sind, wobei die soziale Rangordnung dem Zweck der Fortpflanzung dient. Was heißt das für das Zusammenleben von Mensch und Hund? Ganz einfach: Da sich Mensch und Hund nicht miteinander fortpflanzen können, können sie auch kein Rudel sein. Sie bilden eine Zweckgemeinschaft, bestehend aus zwei nicht artverwandten Spezies. Richtig ist allerdings, dass der Mensch dominant auftreten sollte. Genauer gesagt, formal dominant. Menschen sollten für ihre Hunde nicht als vermeintlicher Rudelführer auftreten, sondern vielmehr eine Vorbildfunktion einnehmen, dem Hund Vertrauen geben und ihm zeigen, dass er sich bei ihnen sicher fühlen kann. Man könnte von „Ersatzeltern“ sprechen, wenn man sich hierbei am Wolfsrudel orientiert.

 

Leider wird Dominanz sehr häufig als körperliche Überlegenheit interpretiert, was schnell zu psychischer und/ oder physischer Gewalt führt. In Annahme, dass der Mensch permanent seine Überlegenheit zum Ausdruck bringen möchte, wurden Regeln zur Rangreduktion aufgestellt. So soll zum Beispiel immer der Mensch das Spiel mit dem Hund gewinnen, als erster essen und der Hund hat immer hinter dem Menschen zu laufen Aber mal im Ernst: Kein Hund der Welt wird sich als Chef sehen, weil er beim Spaziergang vornweg laufen oder auf der Couch liegen darf. Vielleicht liegt der Hund ja nicht auf dem Sofa, weil er die Weltherrschaft an sich reißen will, sondern weil es einfach total gemütlich und bequem ist!

 

Tatsächlich sind dominante Tiere meist eher ruhig. Dominant bedeutet auch, fair, ausgeglichen, tolerant und souverän zu sein. Angeblich dominante Hunde sind meist eher stark unsicher oder schlichtweg freche Jungspunde! Auch aufgrund von Erziehungsfehlern gestresste Hund werden oft fälschlicherweise als dominant bezeichnet.

 

Natürlich braucht es in einer Gemeinschaft Regeln, Grenzen und Konsequenz. Das bedeutet jedoch nicht, dass man ständig seine Überlegenheit zur Schau stellen muss. Konsequenz bedeutet Beharrlichkeit und Zielstrebigkeit. Das heißt, dass man in bestimmten Situationen immer gleich reagieren muss. So sieht der Hund seinen Menschen als Führungspersönlichkeit, der seine Vorbildrolle souverän ausfüllt.

 

Doch warum fällt es den Menschen nach wie vor so schwer einzusehen, dass sie kein Rudelführer sein müssen?

 

Das Verlangen nach einer strengen Hierarchie ist sicherlich tief in unserem Erbgut verankert. Schaut man in die Welt der Affen, sieht man meist hierarchische Zweckgemeinschaften, in denen männliche Tiere das Sagen haben und die stärksten Tiere auch die meisten Vorteile genießen.

 

In der Welt der Caniden gibt es jedoch andere Gruppenstrukturen. Ranghohe Tiere sind entgegen mancher Meinungen eben nicht ständig damit beschäftigt, andere zu unterdrücken. Ganz im Gegenteil, die Anführer der Familienverbände sind äußerst bemüht, eine freundliche Grundstimmung und Harmonie zu wahren. Zu ernsthaften Kämpfen kommt es nur sehr selten und kleinere Konfliktsituationen werden häufig von den Elterntieren geschlichtet.

 

Leider vertritt auch manch international bekannter Hundetrainer noch die Ansicht, dass der Mensch der uneingeschränkte Chef sei. Dies ist besonders traurig, da Hilfsmaßnahmen wie der Rücken- oder „Alpha“wurf, Nackenschütteln, leichte Tritte oder Schläge (welche uns als harmlos und nicht schmerzhaft erscheinen, für den Hund aber ganz anders empfunden werden können) oder auch Hilfsmittel wie Stachelhalsbänder als durchaus konforme Mittel zur Hundeerziehung herangezogen werden.

 

Es liegt am Menschen, sich mit der Natur des Hundes auseinaderzusetzen. Nur wer dies tut, kann seinem Hund ein glückliches Leben ermöglichen. Ein Leben, geprägt von Vertrauen.

 

Abschließen möchte ich meinen Beitrag mit einem Zitat von Edward Hoagland, dass vielleicht den Einen oder Anderen zum Umdenken anregt:

„Freude an einem Hund haben Sie erst, wenn Sie nicht versuchen, aus ihm einen halben Menschen zu machen. Ziehen Sie stattdessen doch einmal die Möglichkeit in Betracht, selbst zu einem halben Hund zu werden!“