Die Vermenschlichung des Hundes

 

Der wohl am häufigsten fallende Satz im Hundetraining ist dieser: „Du vermenschlichst deinen Hund!“

 

Auch ich habe diesen Satz schon oft verwendet.

Doch wo beginnt die Vermenschlichung des Hundes? Wo zieht man die Grenzen zwischen „inniger Bindung“ und „übertriebener Fürsorge“? Und wann wird die Vermenschlichung des Hundes gefährlich?

 

Schauen wir uns zur Klärung dieser Fragen einmal das natürliche Umfeld unserer Hunde an.

Beim Löwen denkt man sofort an die Weite der Savanne, beim Bär an die Seen Alaskas. Doch was ist das natürliche Umfeld des Hundes? Da der Hund aus der Domestikation seiner Urahnen entstand und von Anfang an im direkten Umfeld des Menschen lebte, lässt sich das natürliche Umfeld eines Hundes gar nicht so klar eingrenzen. Der Hund ist ein Kulturfolger, der vom Zusammenleben mit dem Menschen profitiert. So findet man den Hund überall da, wo es auch Menschen gibt. Egal ob Wüste oder Dschungel- auf der ganzen Welt leben Mensch und Hund im Einklang.

 

Während der Hund früher vor allem als Arbeitstier geschätzt wurde, hat sich sein Stellenwert besonders in den letzten Jahrzehnten stark gewandelt. Die wenigsten Hunde müssen heute noch wirklich arbeiten. Stattdessen sind die Vierbeiner zu Familienmitgliedern geworden. Dadurch wurde auch die Beziehung zwischen Mensch und Hund um einiges inniger. Trotzdem leben wir mit unseren Hunden immernoch in Zweckgemeinschaften. Beide Spezies ziehen ihren Nutzen aus dem Zusammenleben: Der Mensch bekommt Zuneigung und Gesellschaft, der Hund bekommt Futter und ein Obdach. Klingt erstmal wenig romantisch und ist auch alles andere als einzigartig im Tierreich. Was jedoch beinahe einzigartig ist, ist die Sozialisation auf eine andere Spezies.

Von Wolfsbeobachtungen weiß man, dass Wölfe symbiotische Beziehungen mit Raben eingehen. Die beiden völlig unterschiedlichen Spezies verbringen ihr ganzes Leben miteinander und profitieren davon. Wolfswelpen haben von Anfang an Kontakt zu Raben, werden somit auf diese sozialisiert und kommunizieren miteinander, auch ohne dass es primär um Futter geht. Ebenso verhält es sich bei der Beziehung zwischen Mensch und Hund: Wir verbringen unser ganzes Leben mit unserem Vierbeiner, spielen und kuscheln miteinander und erkunden gemeinsam die Welt. Und wie bei Wölfen und Raben ist es dafür notwendig, dass sich die beiden Spezies aneinander annähern und ihre eigenen Fähigkeiten und Eigenschaften auf ihre Kooperationspartner übertragen. Nur so gelingt eine Kommunikation zwischen zwei verschiedenen Lebewesen.

Was heißt das jetzt aber für unsere Fragen bezüglich der Vermenschlichung? Ganz einfach: Jeder von uns vermenschlicht seinen Hund. In unterschiedlichem Maß natürlich, doch letztendlich machen wir alle vom Grundprinzip das Gleiche: Wir übertragen unsere menschlichen Eigenschaften unbewusst auf den Hund. Hunde wachsen gewissermaßen bilingual auf, denn sie müssen zu ihrer eigenen Sprache auch die Sprache der Menschen lernen. Ebenso, wie verantwortungsvolle Hundehalter die Sprache ihrer Vierbeiner lernen müssen. Indem wir Hunde als Teil unserer Gesellschaft akzeptieren, vermenschlichen wir sie bereits.

Doch wann wird die Vermenschlichung unserer Vierbeiner nun gefährlich?

Kurz und knapp: Gefährlich wird es, wenn wir aus menschlicher Sicht logische Handlungen auf unsere Vierbeiner übertragen und/ oder wenn wir versuchen, eigene Bedürfnisse oder Wünsche über unsere Hunde zu kompensieren.

Ein klassisches Beispiel hierfür ist der Satz „Der versteht jedes Wort“. Nein, macht er nicht. Denn ein Hund kann die Bedeutung der menschlichen Sprache nicht begreifen. Ein Hund kommuniziert vor allem über seinen Körper. Das heißt, er reagiert auch beim Menschen auf Gesichtsausdrücke, Körpersprache und Wortklänge, nicht aber auf die Wortbedeutung. Sitzt nun der Hund mit gespitzten Ohren vor seinem Halter und lauscht aufmerksam, ist das nicht der Beweis, dass der Hund seinen Halter versteht. Es heißt lediglich, dass der Hund versucht herauszufinden, was genau sein Halter gerade von ihm möchte. Versteht der Halter dies nicht und wird vielleicht sogar sauer, wenn der Vierbeiner nach dem 10- minütigen Vortrag über das richtige Verhalten bei Hundebegegnungen trotzdem versucht, Bello von nebenan zu beißen, haben wir bereits die schlechte Form der Vermenschlichung. Richtiger wäre es, dem Hund kurze, klare Anweisungen zum richtigen Zeitpunkt zu geben, welche er auch verstehen kann. Wir dann noch zu Konsequenzen gegriffen, welche für Menschen zwar Sinn machen, für Hunde jedoch völlig sinnlos sind (beispielsweise das stundenlange Wegsperren des Hundes, ähnlich dem Hausarrest von Kindern) haben wir den Supergau.

Ein weiteres, sehr großes Problem ist es, dass Hunde oftmals in Rollen schlüpfen sollen, welche sie nicht erfüllen können. Sie sollen Kinderersatz oder Seelentröster sein, doch dafür sind sie aufgrund ihrer natürlich gegebenen Voraussetzungen einfach nicht in der Lage. Schnell passiert es hierbei, dass die natürlichen Bedürfnisse und Instinkte des Hundes völlig missachtet werden und der Mensch nur noch an sein persönliches Wohlbefinden denkt. Nein, ein Hund muss nicht im rosa Tutu in einer strassbesetzten Tasche zum Shoppen mitgenommen werden. Stattdessen wäre es ihm wohl viel lieber, Zeit mit seinem Menschen in der Natur zu verbringen.

 

Vermenschlichung beginnt also nicht erst, wenn Hunde Kostüme tragen müssen. Dies ist nur einer von vielen Teilaspekten.Wann es für den Hund unangenehm wird, ist natürlich sehr individuell zu betrachten. Während der eine Hund sich gern umarmen und knuddeln lässt, kann es dem anderen Hund durchaus zuwider sein. Diese individuellen Grenzen sollte jeder Hundehalter unbedingt beachten! Nur wenn Mensch und Hund aufeinander achten und sich aneinander orientieren, kann das Zusammenleben funktionieren.

 

Die Vermenschlichung des Hundes ist völlig normal und auch notwendig, ebenso wie die „Verhundlichung“ des Menschen.